B. S. Johnson, mein Lesetipp für SchriftstellerInnen


Im Mai hatte ich Geburtstag und wie so oft bekam ich auch ein paar Gutscheine für Bücher – YEAH! Einen dieser Gutscheine konnte ich dann doch tatsächlich schon ein paar Tage später einlösen. Ich hatte in dem Gebäude ein Stockwerk höher zu tun und bin dann sowohl vorher als auch nachher auf der Suche nach einem neuen Buch zwischen den Regalen auf der Suche nach neuem Lesefutter herumgeschlichen. Schnell fand ich ein erstes Buch, allerdings blieb vom Gutschein noch ein Restbetrag übrig und das musst ja nun wirklich nicht sein.

Also ließ ich mich von einer äußerst kompetenten und sehr netten Buchhändlerin beraten (und an dieser Stelle kann ich die Buchhandlung am Lambertiplatz in Lüneburg einfach nur empfehlen, klein aber fein!) und musste mich dann am Ende zwischen zwei Büchern entscheiden. Meine Wahl fiel auf ein antiquarisches Exemplar von B. S. Johnson, einem britischen Schriftsteller: Christie Malrys doppelte Buchführung. Ich hatte noch nie von dem Autor oder seinen Werken, die dieser in den 60/70er Jahren verfasst hatte, gehört, ließ mich aber von den Argumenten der Buchhändlerin überzeugen, die mit dem Hinweis auf britischen Humor und Abgründigkeit bei mir voll ins Schwarze traf. Außerdem überzeugte mich die dann doch recht überschaubare Seitenzahl des Taschenbuch, es hatte davon nur 227 und bewies damit großes Auf-dem-Weg-zur-Arbeit-und-für-Zwischendurch-Potenzial. Bereits im Bus auf dem Weg nach Hause begann ich zu lesen und wurde sofort von dem Buch gepackt. Nicht weil die Handlung so komplex war, die Charaktere so originell, der Humor nur so aus den Seiten suppte … nein, ganz und gar nicht.

Der Roman beschränkt sich auf wenige Personen, der namensgebende Protagonist Christie Malrys entdeckt darin für sich die Methode der doppelten Buchführung, um erst an ihm, später dann an der Gesellschaft begangenes Unrecht damit zu vergelten und zu dokumentieren. Was mit Sachbeschädigung im Gegenzug für einen Rüffel vom Chef beginnt, steigert sich bis hin zum … nun ja, das kann ich an dieser Stelle wirklich nicht verraten.

 

Was aber macht das Buch so besonders?

Die Auseinandersetzung des Schriftstellers mit den Formen der Literatur!

 

B. S. Johnsons hatte es sich zeit seines Lebens – so man denn Wikipedia trauen kann – zur Aufgabe gemacht, die Grenzen der Literatur auszuloten, sie zu sprengen, zu missachten, in experimenteller Form zu verwenden. Das ist nicht unbedingt neu, haben das doch schon zahlreiche andere SchriftstellerInnen vor ihm (nicht immer erfolgreich) versucht. Johnson macht das aber auf eine sehr spannenden Art und Weise, denn während andere Schreiberlinge sich sich eher je Text einen Stil erarbeiten und diesen von Anfang bis Ende durchziehen, wechselt der Brite mit jedem Kapitel seines Romans die literarischen Mittel. Ob es die Perspektive ist, die Zeitform, die Textgestaltung durch Satz etc., Johnson tobt sich aus und gerade als Schriftsteller ist es ein riesiges Vergnügen, sich mit dessen Handwerkskunst auseinanderzusetzen, zumal immer wieder der Autor selbst bzw. seine Gedanken zur Schöpfung des Buches auftauchen. Richtig lustig wird es, wenn zur Sprache kommt, dass die Charaktere sich selbst ihrer Existenz als Romanfiguren durchaus bewusst sind und mit ihrem Schöpfer in einen Dialog treten. Ich gebe hier mal ein paar ganz kleine Beispiele (denn in dem Buch stecken sehr viele Ideen):

KAPITEL 1 Der emsige Pilger: eine Exposition, ohne die Sie vielleicht unglücklich gewesen wären

Da lacht der Schriftsteller in mir, die Exposition des Protagonisten muss natürlich im ersten Kapitel stattfinden, klar, sonst sind die LeserInnen nicht glücklich. Die direkte Ansprache der Person vor dem Buch ist dann noch das Tüpfelchen auf dem i. Kapitel III folgt kurz darauf als ziemliches Verbrechen am guten Erzählstil, es ist ein einziger Infodump – mit Augenzwinkern. In einem langen Monolog richtet Christies Mutter das Wort an ihren Sohn, beginnend mit dem Satz:

“Mein Sohn: Ich bin zwecks dieses Romans auf den Tag genau achtzehn Jahre und fünf Monate lang deine Mutter gewesen, wenn ich davon ausgehe, daß die Empfängnis nach Mitternacht stattgefunden hat. [...]”

Dann erzählt sie ihre und Christies gemeinsame Vergangenheit, der letzte Satz des Kapitel zieht dann einen recht radikalen Schlussstrich unter das Kapitel. Als die Mutter ihre Worte losgeworden ist, heißt es schlicht:

Christies Mutter starb.

Haha, ich hab sehr laut an dieser Stelle gelacht, immerhin findet dieser Monolog nicht am Sterbebett der Mutter statt und das Dahinscheiden der alten Dame findet ohne große Not statt! So geht es weiter, und es ist ein Vergnügen dabei zuzusehen, wie Johnson vor den Augen seiner Leserschaft Handlung und Figuren entwickelt, dies gleichzeitig hinterfragt und gegebenenfalls sogar aufgibt. Als Christie schließlich innerhalb seiner Firma die Abteilung wechseln möchte, dort aber eigentlich keine Stelle frei ist, behilft sich Johnson mit einer ganz besonderen Form von Deus ex Machina:

Christie und Headlam begaben sich zur Bar, und gerade als die Kasse klingelte, sagte der Mann aus der Lohnabteilung:

   “Warum kommst du nicht in unsere Abteilung? Hast du Lust rüberzuwechseln?”

   Ob Christie Lust hatte! War Headlam Hellseher?

   "Parsons scheint für den Rest dieses Romans indisponiert zur sein”, fuhr Headlam fort. “Genaugenommen glaube ich, daß er sich gerade etwas Tödliches eingefangen hat.”

In Auflösungserscheinungen begriffen ist dann schließlich Kapitel XXI, “Worin Christie und ich dazu übergehen, alles auszudiskutieren; und das Sie vielleicht lieber übergehen möchten.”

Kurz darauf geht der Roman dann auch zu Ende, recht ruhig, aber gerecht und irgendwie logisch angesichts der thematisch zugrunde gelegten doppelten Buchführung. Mich hat das Buch sehr für B. S. Johnson eingenommen und ich musste gleich gucken, ob ich nicht noch mehr Lesefutter von ihm auftreiben konnte. Bei Amazon hab ich mir dann für wenig Geld Albert Angelo bestellt, ein Roman mit ähnlicher Ausgangslage wie bei Christie Malrys doppelter Buchführung. Darin sinniert ein Aushilfslehrer, der eigentlich Architekt sein will, über seine Unterrichts- und Erziehungsmethoden und rekapituliert seine beendete Beziehung zu Jenny. Johnson treibt seine Experimente mit Stil und Form hier noch weiter auf die Spitze, auch wenn es Parallelen zu Christie Malry bezüglich der Auflösungserscheinungen zum Ende hin und der plötzlichen Beendigung des Romans gibt.

 

Zu diesem Roman möchte ich auch ein paar Beispiele bringen, diesmal in Form von Bildern. Albert Angelo beginnt seinen Roman in Dialogform, das ist noch nicht sonderlich spektakulär, aber doch etwas … unüblich.

Später steigert sich Johnson dann mit Paralleltexten. In der Spalte links ‘hören’ wir die Schüler Alberts, in der rechten Spalte Alberts gleichzeitige Gedanken.

Ziemlich erstaunt war ich über die Löcher im Buch. Erst dachte ich, dass sich da jemand vor mir dran zu schaffen gemacht hatte, immerhin ist auch dieses Buch antiquarisch gebracht gekauft. Aber dem ist nicht so, die Löcher - so erklärt Johnson später als er im Roman seine Rolle als Autor, den Roman und sein Entstehen rekapituliert - geben Ausblick auf die Zukunft der Handlung. Auf dem Bild hier sieht man allerdings die Vergangenheit, ich hätte es anders fotografieren müssen ... egal!

Insgesamt hat mir Albert Angelo handwerklich noch mehr imponiert als das von mir zuerst gelesene Buch, es war aber auch anstrengender. Lohnenswert war es aber allemal, zumal das vorletzte Kapitel einfach nur genial ist. Das bemerkte ich nicht auf Anhieb, da es recht konfus beginnt, aber auch hier mit einem tieferen Sinn konstruiert worden ist, der sich mir erst später erschloss. Das Kapitel ist unterteilt in mit Gedankenstrichen begonnen Absätzen ...

 

… wenn es denn dann überhaupt Gedankenstriche sind ...

… gibt es überhaupt Anführungsstriche?

 

Na egal, jedenfalls sind sie sehr klug gesetzt, denn mit steigender Anzahl der Absätze werden die Gedanken des Autors, die zu Beginn des Kapitels noch unstrukturiert und unbestimmt sind, klarer und quasi selbstbewusst: Johnson schreibt sich an dieser Stelle in den Roman hinein und es ist spannend zu sehen, wie er aus den Tiefen seines fiktionalen Charakters Alberts auftaucht und in die Realität (so es diese denn überhaupt im Roman als Fiktion überhaupt gibt) der eigenen Geschichte überwechselt. Das letzte Kapitel ist dann ein brutaler Hammerschlag, ein Schlussstrich, genauso konsequent wie bei Christie Malrys.

 

Die Bücher und Autor B. S. Johnson sind also eine ganz klare Kaufempfehlung von mir, vor allem für literarisch interessierte SchriftstellerInnen, die die Weiten der Möglichkeiten des Handwerks komprimiert entdecken und vielleicht sogar selbst ausprobieren wollen. Johnson, der sich leider 1973 im Alter von gerade mal 40 Jahren das Leben nahm, sind äußerst lesenswerte Romane gelungen und ich werde mich auf jeden Fall auf die Suche nach mehr Lesestoff von dem zeitlebens leider recht erfolglosen Schriftsteller machen. Es lohnt sich!

 

PS: hier gesetzte Links zu den Büchern führen zu Amazon, allerdings sind es keine Partnerlinks, d.h. ich bekomme dafür nicht. Ich hab sie nur der Einfachheit halber verwendet. 

 



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